Lend me your eyes

„Wie war dein Jahr?“
Eine Frage, die nicht so einfach und mal eben zu beantworten ist.

Ich bin also zurück. Jedenfalls physisch. Momente, in denen ich denke, so langsam angekommen zu sein, gibt es auch. Aber komplett längst nicht. Und ich frage mich, ob das überhaupt passieren wird. Denn sich so zu fühlen, wie ich mich vor meinem Jahr hier in Deutschland, in meinem Heimatland, gefühlt habe, werde ich wohl nie wieder. Und ich denke, das ist gut so. Die Nachwirkungen werden zwar mit der Zeit verblassen, jedoch niemals verschwinden. Und so sollte das sein. Ich werde immer ein Stückchen mehr ankommen, aber das Denken und meine Sicht der Dinge haben sich verändert.

Zurückkommen ist eine schwierig zu bewältigende Aufgabe. Ich komme nicht zurück und bin da, sondern das Zurückkommen zieht sich über einen langen Zeitraum hinweg. Das wird niemand gänzlich verstehen, der sich nicht in dieser Situation befand. Ich komme zurück in das Bekannte und doch ist so vieles Unbekannt. Die (Eigen)Arten der Menschen, das geografische Umfeld, das persönliche Umfeld. Mir fallen Verhaltensweisen auf, die bei mir auf Unverständnis stoßen. Ich sehe Dinge, die ich vorher nicht sah. Mein Maßstab, meine Werte, Dinge, die mir wichtig sind, haben sich verschoben oder verändert.

Ich komme nach Hause und lasse mein Zuhause hinter mir. Wie integriere ich meine zwei Welten in mir? Wie werde ich der einen und gleichzeitig der anderen gerecht? Bleibe ich, wie ich aus der anderen Welt gekommen bin? Sicherlich muss ich mich in gewisser Weise anpassen an „das deutsche Leben“. Aber ich möchte mich nicht selbst verraten, indem ich mich aufgebe und zu viel anpasse. Wo ist die Balance?

Ich vermisse, verzweifle, freue mich, denke nach, erinnere, verstehe nicht, lebe. Ich spüre einen gewaltigen Unterschied in meinem Denken, meiner Person und frage mich, ob man mir denn ansieht, dass ich mich verändert habe. Im Nachhinein glaube ich, Zurückkommen ist schwieriger als den Mut aufzubringen, loszuziehen. Hier werde ich konfrontiert mit bekannten unbekannten Dingen. Warum machen sich Menschen über dieses und jenes Gedanken, das mir so nichtig erscheint? Ich möchte mich über grundlegende Einstellungen, Probleme, Lösungsvorschläge austauschen und weiß gleichzeitig, dass nicht jedes Gespräch entsprechenden Inhalt gibt. Und weiß auch, dass ich mich nicht mit allen Menschen auf diese Weise unterhalten kann und auch gar nicht möchte. Doch wo ist das allgemeine Interesse, die allgemeine Neugier, die Weitsicht, die die Menschen mit mir teilten, mit denen ich mich ein Jahr umgab? Ich weiß, dass ich dies nicht von allen erwarten kann und doch stimmt es mich traurig, eine eher kurzsichtige Gesellschaft zu erleben. Ich möchte so viel erzählen, berichten, auf Missstände aufmerksam machen, den Horizont ein wenig erweitern, den Rand des Tellers zum Hinüberschauen näher bringen.

„Lend me your eyes and I can change, what you see.“ Vielleicht. Wenn ich gelassen werde.


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